Elisa Pieper
Jahrgang 2013


Wer bist du und was machst du, wenn du nicht arbeitest?


Ich lebe ziemlich fragmentiert, was die Dinge betrifft, mit denen ich mich beschäftige. Lohnarbeit (>Festivalproduktion für das Z2X Festival von ZEIT Online) räume ich momentan wenig Zeit ein. Hauptsächlich beschäftige ich mich mit meinem Master Studium >Medienwissenschaften in Potsdam), unserem DJ Kollektiv (>Broke Witches) und freien Projekten (>Sunpoiesis Underground – Eine Lecture Performance).

Wie würdest du das Raki Prinzip in maximal drei Sätzen beschreiben?


Ein Community-/Vernetzungsdinner mit geladenen Speakerinnen und Künstlerinnen. Im letzten Jahr unter dem Titel “Intersection Sessions” mit Fokus auf die Vernetzung von Neu-Berliner*innen (u.a. die, auf Grund von Repressionen in ihrem Land, ihre Arbeit dort nicht mehr frei ausüben können) und etablierten Kunst- und Kulturschaffenden aus Berlin.

Wieso der Name “Raki Prinzip”?


Freia (eine der Mitgründerinnen) und ich hatten die Idee nachdem ich, nach drei Jahren leben und arbeiten aus der Türkei wiederkam. Ich war überrollt von dem Diskurs um einen neuen rechts-Ruck in Deutschland und es ging medial zu diesem Zeitpunkt viel um Stammtische von rechten Bruderschaften etc. Da haben wir uns Gedanken gemacht, welche Gegenformate zum Stammtisch wir kennen und an die Raki-Tische in Istanbul und Berlin gedacht. Unsere Freunde
in Istanbul haben uns oft zu solchen Zusammenkünften eingeladen – also große oder kleine
Freundegruppen (oder Freunde- von Freunden) treffen sich, trinken Raki und verspeisen langsam, den ganzen Abend hinweg, Meze und Fisch. Dabei wird natürlich viel geredet: über Politik, die Familie, das Wetter, die Mieterhöhung, wer mit wem geschlafen hat. Privates und
öffentliches verzweigt sich und werden auf Augenhöhe, entspannt (und natürlich auch lautstark) diskutiert. Daher resultiert der Name. Wir haben im Verlauf der letzten drei Jahre, das Konzept etwas verändert und unsere Veranstaltungen “Intersection Sessions” betitelt.

In deiner Arbeit dreht sich Vieles um unsere Gesellschaft und die sozio-politische Aufruhr die vor allem in den letzten Jahre an Relevanz gewonnen hat. Inwieweit hat das GWK-Studium dich auf deine Arbeit vorbereitet? Was hat dir geholfen? Was hast du im Nachhinein bei deinem Studium vermisst?


Was sicher sehr hilfreich war, ist die breite Ausrichtung. Man wird irgendwie ein Jack-of-all-trades und lernt sich Wissen schnell und oberflächlich anzueignen. Das ist sinnvoll, wenn man später eigenverantwortlich Themen tiefer bearbeiten möchte. Was mir etwas gefehlt hat (ich habe 2013 meinen B.A. gemacht), war mehr Theoriearbeit. Ich weiss nicht, wie das heute ist. Was mich echt gestört hat, war die Ausrichtung auf Verwertbarkeit, der Projekte (bei manchen Lehrenden mehr, bei manchen weniger). In der Rückkopplung gab es bei uns auch kaum eine Kritik-Kultur an Theorien oder Lehrinhalten.

Früher Vogel oder Nachteule? Wann bist du am produktivsten?


Normalerweise Morgens

Das Raki Prinzip ist eine Diskussionsreihe die an einem Esstisch stattfindet. Dass ein gemeinsames Speisen ein geeigneter Rahmen für ein kommunikatives zusammenkommen darstellt, ist einleuchtend, aber wie stellt ihr sicher, dass bei all dem Raki eine produktive Diskussion gewährleistet ist?


Raki trinkt man ja zusammen mit Wasser und man isst währenddessen. Der Fokus ist also icht auf dem Konsum sonder am Beisammensein. Wir denken auch, dass unsere Gäste ihre Grenzen kennen. Viele Personen am Tisch greifen auch lieber zum Saft und lassen den Alkohol ganz weg. Jeder entscheidet selbst. Rückblickend gab es sicher auch Leute, die zu Labertaschen mutiert sind oder gar Störenfrieden – das war aber sehr, sehr selten der Fall.

Du bist einer der Gründer – was sind deine drei wichtigsten Aufgaben?


Konzeption, Veranstaltungsproduktion, Abstimmung mit der Küche

Wie geht es nach dem Essen weiter? Folgen den Worten auch Taten, oder endet der Diskurs mit dem Ende des Abends?

Es gibt keine Zielsetzung für die Abende – außer Vernetzung – was gerade für die Kunst und Kulturszene, ein wichtiger Zündpunkt für neue Projekte und Aktionen war/ist.

Die Idee sich bei einem gemeinsamen Essen über gesellschaftliche Themen auszutauschen ist nicht gerade neu. Was unterscheidet euch von einem gewöhnlichen Stammtisch?


Naja… beim Stammtisch kann man sich normalerweise nicht einfach anmelden. Beim Raki Prinzip und den Intersection Session, konnte man eine Email schreiben und dann – wenn denn noch Platz am Tisch war – dabei sein. Stammtische haben meistens auch keine wechselnde Themendramaturgie (bei uns z.B. die Emotionsreihe) und leider gibt’s auch kaum Stammtische die Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Literatinnen, Aktivist*innen, … dazu einladen einen Input am Tisch zu geben.

Stichwort Echokammern! Wie stellt ihr sicher, dass bei den Disskusionen eine gewisse Diversität von Meinungen und Ansichten vorhanden ist? Sind bei euch alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Richtungen vertreten oder sind die Teilnehmer einem bestimmten Meinungsspektrum zuzuordnen?


Bei den “Intersection Session” kamen alle unsere Gäste aus dem Kunst- und Kulturbereich. In den Jahren zuvor haben u.a. Veranstaltungen im freien (z.B. im Gemeinschaftsgarten) gemacht. Dort hatten wir eine sehr divers gefächerte Tischgemeinschaft, weil neben den üblichen Kulturinteressierten auch Leute aus der Nachbarschaft dazukommen. Wir versuchen unsere Aufrufe immer breit zu streuen (z.B. Nachbarschaftsverteiler, Plakate in den Kiezen, …)

Welchen Stellenwert hat der Raki in dem “Raki Prinzip”? Braucht es Alkohol für eine lebhafte Debatte? Macht der Konsum von Alkohol eurer Format erst möglich?


Nö. Alkohol braucht es nicht unbedingt. Es gibt viele, die während unserer Abende, gar nicht oder nur wenig trinken. Die Frage finde ich aber sehr wichtig: Wir werden zukünftig auch ganz davon abrücken Alkohol in unserem Namen zu propagieren. Hintergrund ist, dass wir Barrieren abbauen und wollen, damit sich auch jüngere Menschen und Menschen, die keinen Alkohol trinken, an unserem Tisch wohl fühlen.